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Im tucherischen Wirt

Liebe Leserinnen und Leser,

lassen Sie sich entführen, in ein Hilpoltstein aus längst vergangenen Tagen. Nämlich in die Zeit zwischen 1548 und 1627, als Hilpoltstein evangelisch war. Hilpoltstein war früher Handelsstadt und so gab es allein in der Innenstadt 23 Tavernen und fünf Brauereien. Auch an Badehäusern mangelte es nicht. Es wurden Unmengen an Bier getrunken und mitunter ging es ziemlich rau zu. Damals hatten ca. 300 schwedische Söldner während des dreißigjährigen Krieges ihr Winterquartier hier aufgeschlagen. Hauptschauplatz unserer Geschichte ist, der tucherische Wirt. Er befand sich zu jener Zeit in der Innenstadt, in dem Haus, wo man heute den Thai – Imbiss Chook Dii (Marktstraße 15) findet.  Auch die umliegenden Dörfer spielen eine kleine Rolle, so z.B. Hägeberg, das heutige Heuberg. Denn mit einem evangelischen Pfarrer aus Hägeberg beginnt nun diese Geschichte…

Es dämmerte bereits, als er festen Schrittes die Vorstadt von Hilpoltstein erreichte. Der bärtige, große und kräftige Mann, entsprach nicht unbedingt dem Bild eines Pfarrers. Denn auch, wenn er sich in seiner Gemeinde Hägeberg sehr wohl fühlte, kam es hin und wieder vor, dass er das dortige Wirtshaus räumte, wenn er einen über den Durst getrunken hatte. Seine Berufung als Pfarrer, änderte nämlich nichts an der Tatsache, dass er den weltlichen Genüssen nur allzu gern und nicht zu knapp frönte.

"Kein Alkohol ist auch keine Lösung" (#DTH)

Zwei Hübschlerinnen standen vor dem Badehaus der Vorstadt und tuschelten miteinander. „Ja sieh mal einer an, der Herr Pfarrer aus Hägeberg. Wohin des Weges?  Komm doch herein und verbring den Abend mit uns zwei reizenden Damen. Du wirst es nicht bereuen.“ Verheißungsvoll steifte sie ihren Rock etwas nach oben und zwinkerte dem Pfarrer zu.

„Maria, ihr wisst doch, dass ich ein ehrenwerter Pfarrer bin und nur das Badehaus in der Badergasse besuche, wenn gleich euer Angebot natürlich verlockend ist.“ Auch er zwinkerte. „Außerdem steht mir heute der Sinn nach Unterhaltungen mit echten Männern und nicht mit euch geschwätzigen Weibern. Also haltet mich nicht weiter auf. Ich bin auf dem Weg zum tucherischen Wirt.“  Mit diesen Worten ließ er die beiden Frauen stehen. Maria warf ihrer neuen Kollegin einen heimlichen Blick zu und flüsterte „Man nennt ihn überall einen kreizsakramentschwarn Sauf – und Raufbold. Und glaub mir, er macht diesem Namen alle Ehre.“   

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Der Pfarrer betrat den tucherischen Wirt. Das Gasthaus war gut gefüllt, die Luft schlecht, aber die Stimmung bestens. Der Wein und das Bier flossen in Strömen. Genauso, wie es der Herr Pfarrer liebte. Am Tisch in der Ecke sah er die zwei schwedischen Söldner, mit denen er vor kurzem schon Bekanntschaft gemacht hatte. Sie hatten ganz interessante Geschichten zu erzählen und weil er heute sonst niemanden kannte, setzte er sich zu ihnen. „Wirt, bring uns Wein und zwar am besten gleich einen Krug für jeden. Es soll ja hier niemand verdursten!“ Kaum hatte der Wirt die Krüge mit Rotwein auf den Tisch gestellt, so waren sie bald schon wieder leer und es wurden neue gefordert. Das ging nicht nur einmal so und die drei Männer labten sich ausgiebig am Wein. Umso mehr des Weines sie getrunken hatten, umso lustiger wurde es. Sie erzählten sich derbe Witze, lachten lautstark und schlugen sich dabei auf die Schenkel. So ging es, bis sich das Wirtshaus schon ziemlich geleert hatte und der Wirt langsam schließen wollte. „Das war die letzte Runde. Ich hoffe ihr habt genug Groschen mit euch, um die Zeche zu bezahlen“ sagte der Wirt. Die Rechnung für das veranstaltete Saufgelage würde natürlich keine Kleine sein. So sagte der Pfarrer zu den zwei Söldnern „Ich mache euch einen Vorschlag. Wer von uns dreien mit seiner Männlichkeit am schlechtesten bestückt ist, der soll die Zeche bezahlen.“ Die zwei Söldner bogen sich am Tisch vor Lachen. Sie sahen den Vergleich in ihrem berauschten Zustand als lustigen Witz an und stimmten deshalb zu. Also schritten sie lallend und lachend zur Tat. Einer der Dreien gewann Haus hoch. Es war der Herr Pfarrer. Diesen überraschte das nicht weiter, denn auf die Art und Weise, hatte er sich schon so manchen Groschen gespart. Die zwei Söldner sahen sich etwas verdutzt an, einen Moment war Stille. Dann fingen sie wieder zu lachen an und schlugen dem Pfarrer auf die Schulter „Nun ja, du hast gewonnen, aber das war ja wohl nur ein Spaß. Wer bestellt, bezahlt üblicherweise. Und das warst in dem Fall ja du.“ Der Pfarrer entgegnete „Was seid ihr nur für Ehrenmänner? Wir hatten eine Abmachung. Also haltet euch auch daran.“ Nun waren die zwei Söldner gleich doppelt gekränkt und wollten das nicht auf sich sitzen lassen. „Du Betrüger, hast uns hinters Licht geführt.“ schrien sie wütend. Sie waren nun sehr aufgebracht. Von der guten Stimmung, die bis gerade eben herrschte, war nichts mehr zu spüren. Urplötzlich entstand eine brutale Schlägerei. Stühle und Bänke flogen durch die Luft, Krüge zerbrachen und die Wände waren binnen Sekunden mit Wein und Blut beschmiert. Es ging so heiß her, dass man von außen gar nicht mehr ausmachen konnte, wer denn jetzt nun welcher der Männer war. Dann war es plötzlich still. Der Wirt, der sich furchtvoll hinter seinem Tresen versteckt hatte, streckte langsam seinen Kopf hervor. Das Wirtshaus glich einem Schlachtfeld.  Es dauerte einige Minuten, dann bewegte sich etwas unter dem Schuttberg und einer der Männer rappelte sich schwankend auf. Mit seinem Ärmel wischte er sich das Blut aus dem Gesicht. Der Wirt und er räumten die Trümmer beiseite und beugten sich zu den anderen beiden Männern hinunter. Aber die Männer zu ihren Füßen waren tot. Der Herr Pfarrer hatte wohl auch diesmal gewonnen.

Seine Tat blieb natürlich nicht ohne Folgen. Den Pfarrer aus Hägeberg erwartete nämlich eine furchtbare Strafe. Er wurde nach Meckenhausen versetzt. Der Abt von Walterbach im bayerischen Wald, dem Meckenhausen damals gehörte, nannte die Meckenhausener ein aufrührerisches, ketzerisches Volk, dass schlimmer als ein Sack Flöhe zu hüten sei. So war er der Ansicht, dass der Pfarrer da gut hin passte.

Der Kern der Geschichte, sowie die Hintergrundinformationen wurden uns mündlich überliefert.

red. Jessica Kitzan

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